Autor: Torsten KleinAktualisiert: 19. August 2020 | Lesezeit: 8 Minuten

Ja, nicht nur Depressionen sondern auch die häufig verschriebenen Antidepressiva können zu Erektionsstörungen führen.

Vor allem „Seroteonerge Antidepressiva“ können Erektionsstörungen verursachen. Auch die aktuelleren „selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer“ können solche Probleme verursachen, wenn auch nicht so oft.

Die Auswirkungen von Antidepressiva auf das Sexualverhalten können Monate- und Jahrelang nach er Einstellung der Behandlung andauern. Im Artikel führen eine Liste der bekanntesten Antidepressiva, welche in Verbindung mit Potenzstörungen stehen.

Außerdem berichten wir ob Potenzmittel (PDE-5-Hemmer) auch im Falle von Antidepressiva helfen können. Hierzu haben wir am Ende des Artikels eine Studie mit Viagra & Antidepressiva ausgewertet.

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Warum machen Antidepressiva Impotent?

Antidepressiva beeinflussen den Stoffwechsel des Gehirns und setzten die Hormone Serotonin und Dopamin, die sogenannten Glückshormone frei. Diese Hormone haben eine wichtige Funktion bei einer Erektion und können auch die Libido beeinflussen.

Auch durch ein vermindertes sexuelles Verlangen, können Antidepressiva zu Sexualstörungen, wie eben auch der Impotenz führen. Die Auswirkungen von Antidepressiva auf das Sexualverhalten können Monate– und Jahrelang nach er Einstellung der Behandlung andauern.

Die Impotenz durch Antidepressiva ist nicht dabei immer nur vorübergehend. In einigen Fällen bedeutet das, dass selbst, wenn die Medikamente nicht mehr eingenommen werden, die Beeinträchtigung der Sexualität Wochen und sogar Jahre Bestand haben können. Manchmal sind die Symptome sogar dauerhaft.

Symptome durch Antidepressiva:

Symptome aus dem Bereich der Sexualität:

  • Verschlechterung der Libido
  • Erektionsstörungen
  • weniger Empfindung in den erogenen Zonen
  • Gefühl der Taubheit am Schwellkörper
  • Probleme mit dem Orgasmus (Anorgasmie)
  • Gefühllose Orgasmen
  • vermindertes Sperma Volumen
  • Widerwille gegen sexuelle Reize (Asexualität)
  • Ausbleiben erotischer Träume

Die genannten Symptome müssen nicht bei jedem Patienten, der Antidepressiva nimmt, eintreten und vor allem auch nicht alle zusammen. Am häufigsten berichten Patienten neben der ausbleiben der Erektion von einer Taubheit und einer geringen Sensitivität im genitalen Bereich.7Antidepressant‐induced sexual dysfunction | doi.org

Wir führen jetzt eine Liste der bekanntesten Antidepressiva, welche zu Sexualstörungen führen können. 

Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI)

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Diese Art von Antidepressiva wird am häufigsten von Ärzten verschrieben. In Deutschland ist Citalopram das am häufigsten eingesetzte Mittel. Die Einnahme der Antidepressiva erfolgt nur einmal am Tag. SSRI haben relativ wenige Nebenwirkungen und die Wirkung setzt erst nach einem gewissen Zeitraum ein.

Die erektile Dysfunktion, Störungen bei der Ejakulation, Schwierigkeiten beim Orgasmus und eine temporäre Verschlechterung der Qualität der Spermien sind unerwünschte Begleiterscheinungen.2Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren (SSRI) – Reversible Beeinträchtigung der Spermienqualität | bfarm.de Auch die Lust auf Sex wird durch SSRI Antidepressiva negativ beeinträchtigt.

Liste der bekannten SSRI Wirkstoffe:

  • Citalopram (Cipramil, Sepram, uvm.)
  • Escitalopram (Cipralex, uvm.)
  • Fluoxetin (Fluctin, Floxetin, uvm.)
  • Sertralin (Gladem, Zoloft, uvm.)
  • Paroxetin (Paroxat, Seroxat, Tagonis, uvm.)

Fluvoxamin gehört auch der Gruppe der SSRI an, führt allerdings nur selten zu Erektionsstörungen.

Selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI)

Die Nebenwirkungen von SNRI sind denen der SSRI sehr ähnlich. Auch bei den SNRI Antidepressiva gibt es Wirkstoffe welche bekannt für eine mögliche Impotenz sind.

Liste der bekannten SNRI Wirkstoffe:

  • Duloxetin (Duloxalta, Yentreve, Cymbalta, uvm.)
  • Venlafaxin (Efectin, Trevilor, uvm.)

Bei der Einnahme von Milnacipran, ebenfalls ein SNRI Medikament, wurden allerdings bisher weniger sexuelle Störungen festgestellt.

Selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (NARI)

Auch NARI können sexuelle Unlust, Probleme bei der Ejakulation und Störungen bei der Erektion zur Folge haben. Bei den NARI Antidepressiva wird allerdings seltener von Ejakulations und häufiger von Erektionsstörungen berichtet. Die Temporäre Impotenz wird sogar offiziell als Nebenwirkung der NARI aufgelistet.

Liste der bekannten NARI Wirkstoffe:

  • Atomoxetin (Agakalin, Atomoxe, uvm.)
  • Orphenadrin (Norflex)
  • Reboxetin (Erdonax)
  • Viloxazin

Der Wirkstoff Atomoxetin, wird offiziell nur zur Behandlung von ADHS eingesetzt. Orphenadrin wird als Skelettmuskelrelaxan eingesetzt.

Mazindol ist ein weiterer bekannter Wirkstoff, der seit 1990 in Deutschland nicht mehr im Angebot ist. Dieser Wirkstoff wurde als Appetithemmer bei Fettleibigkeit verschreiben.

Trizyklische Antidepressiva (TZA)

Die Trizyklische Antidepressiva (TZA) gehören ebenfalls zu den „nicht selektiven Monoamin-Wiederaufnahmehemmern“. Sie finden ihren Einsatz bei Panikattacken und bei Zwangsstörungen.

Da sie sehr starke Nebenwirkungen aufweisen, werden Trizyklika nur noch selten eingesetzt. Sie werden heute noch eingesetzt bei Patienten, bei denen SSRI Antidepressiva keine Wirkung zeigt oder bei Patienten mit extremen Fällen von Depressionen.

Am häufigsten wird bei der Einnahme von trizyklischen Antidepressive über die negative Auswirkung auf die Erektion gesprochen, daher haben wir die TZA mit in die Liste aufgenommen.

Liste der bekannten TZA Wirkstoffe:

  • Amitriptylin (Amioxid, Equilibrin, Saroten, uvm.)
  • Clomipramin (Norflex)
  • Dibenzepin (Erdonax)
  • Doxepin (Aponal, Mareen, uvm)
  • Imipramin (Tofranil mite)
  • Maprotilin (Ludiomil)
  • Nortriptylin (Nortrilen)
  • Tianeptin (Tianeurax, Stablon)
  • Trimipramin (Herpohnal, Surmontil)
  • Opipramol (Insidon)

Welche Antidepressiva machen nicht Impotent?

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Studien und Erfahrungsberichte zeigen, dass es bei der Einnahme von fast allen Antidepressiva zu Erektionsstörungen kommen kann. Dadurch wird es besonders schwierig, Wirkstoffe zu finden, die dieses Problem nicht hervorrufen.

Es wird noch schwieriger dadurch, dass die Depressionen selbst die Libido nachteilig beeinflussen. Daher kann nur sehr schwer diagnostiziert werden, ob das Medikament oder die Krankheit selbst die sexuelle Störung auslöst.

In Studien hat sich jedoch gezeigt, dass ein paar wenige Antidepressiva keine oder nur sehr geringe Probleme in Hinsicht auf die erektile Dysfunktion aufweisen. Die bekanntesten Antidepressiva welche keine Erektionsstörungen begünstigen, nennen wir jetzt im Detail.

Agomelatin (Valdoxan & Generika)

Studien, die mit diesem Wirkstoff durchgeführt wurden, haben gezeigt, dass er sehr gut verträglich ist. Im Vergleich mit anderen vergleichbaren Wirkstoffen wurden seltener ein Verlust der Libido oder Störungen bei der Erektion festgestellt.

Bupropion (Elontril)

Dieser Wirkstoff dient sowohl als Antidepressivum (Elontril) als auch zum Nikotinentzug (Zyban). Er ist ein selektiver Wiederaufnahme Hemmer von Noradrenalin und Dopamin (NDRI).

In Österreich und der Schweiz werden Medikamente mit diesen Wirkstoff als Wellbutrin vertrieben.

Bei dem Wirkstoff Bupropion treten seltener sexuelle Störungen als Nebenwirkungen auf. Dafür treten verschiedene andere Nebenwirkungen auf, die bei anderen Antidepressiva nicht zu finden sind. Auch die Gefahr von Krampfanfällen sorgt dafür, dass der Wirkstoff keinen allzu guten Ruf genießt.

Außerdem hat Bupropion eine Stimmungsaufhellende Wirkung und wird daher in Kombination mit Naltrexon gegen starkes Übergewicht verschrieben. (Medikament: Mysimba)

Mirtazapin (Remergil)

Dieser Wirkstoff ist ein tetrazyklisches Antidepressiva, die eine Weiterentwicklung der trizyklichen Antidepressiva sind.

Mit ihm werden mittelschwere bis schwere Depressionen behandelt. Als Nebenwirkung wird am häufigsten von starker Müdigkeit und Trägheit berichtet. Auch die Zunahme von Gewicht infolge von Appetitsteigerung und vom Restless-Leg-Syndrom wird als Nebenwirkung berichtet.

In Österreich ist Mirtazapin als Mirtel bekannt und in der Schweiz als Remeron.

Moclobemid (Aurorix)

Bei dem Wirkstoff Moclobemid handelt es sich um einen selektiven (Typ A) und reversiblen Monoaminooxidase-Hemmer (MAO-Hemmer).

Mit dem Wirkstoff werden gehemmte Depressionen behandelt. Bei Personen, die suizidgefährdet sind, wird er nicht eingesetzt. Patienten haben bisher von keiner Sexualstörung als Nebenwirkungen berichtet. Es kann jedoch zu Schlafstörungen, Schwindel und Kopfschmerzen kommen.

Post SSRI Sexual Dysfunction (PSSD)

Wenn die sexuelle Dysfunktion nach Absetzen eines SSRI andauert, spricht man von einer Post SSRI Sexual Dysfunktion (PSSD).

Die PSSD ist eine sexuelle Funktionsstörung, welche durch eine andere Behandlung ausgelöst wurde. Von dieser Art von sexueller Störung wurde auch bei SSNRI, atypischen Neuroleptika und anderen Psychopharmaka berichtet.

Nach dem Absetzen des jeweiligen Präparates kann die sexuelle Störung Monate und sogar Jahre lang bestehen bleiben. In einigen Fällen war die Störung sogar permanent.6Post-SSRI sexual dysfunction | doi.org

Bei einigen betroffenen Patienten traten bei der Einnahme von Antidepressiva die sexuellen Störungen urplötzlich auf. Viele Ärzte gehen auf diese Probleme nicht ein, da es sich dabei auch um Symptome der eigentlichen Krankheit handeln könnte.

Allerdings gibt es auch andere Medikamente, wie beispielsweise Finasterid gegen Haarausfall, die ähnliche Nebenwirkungen haben, obwohl die behandelten Personen psychisch gesund sind.

Mittlerweile werden SSRIs wie Dapoxetin ganz bewusst für die Behandlung der vorzeitigen Ejakulation eingesetzt.

Was kann man gegen Impotenz durch Antidepressiva tun?

Betroffene Patienten sollten auf jeden Fall ihren Arzt auf die Probleme ansprechen. Der Arzt kann in den meisten Fällen entweder die Dosierung des Medikamentes anpassen oder er kann ein anderes Medikament verschreiben.

Auf keinen Fall sollten Patienten das Medikament eigenständig und plötzlich absetzen, da es durch die Veränderungen im Hirnstoffwechsel zu Entzugserscheinungen und anderen Beschwerden kommen kann.

Potenzmittel trotz Antidpressiva?

Alternativ kann der Arzt auch Potenzmittel (PDE-5-Hemmer) verschreiben. Diese zeigen vor allem dann Wirkung, wenn grundlegend noch Lust auf Sex besteht.

Doch selbst wenn weniger Lust auf Sex besteht, sorgen diese Mittel dafür, dass bereits geringere sexuelle Reize genügen um leichter eine Erektion aufzubauen und diese halten zu  können.

Auch das neu gewonnene Selbstbewusstsein kann die Lust auf Sex steigern. Dies ist vor allem bei einer dauerhaften Einnahem von Potenzmittel (Cialis 5 mg auf täglicher Basis) der Fall. Bei der Konstanztherapie wird die Potenzstörung nicht nur bei Bedarf (wie z.B. mit Viagra) behoben, sondern dauerhaft verbessert. Somit können Männer wieder jederzeit eine stärkere Erektion aufbauen und verspüren dauerhaft mehr Lust auf Sex.

Die Potenzmittel können auch über eine Online Diagnose verschrieben werden:

Potenzmittel mit Online Diagnose

Studie: Viagra trotz Antidepressiva?

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In drei US-Zentren wurden sechs Wochen lange, placebokontrollierte Studien durchgeführt. Dabei wurde die zusätzliche Einnahme von Sildenafil (Wirkstoff aus Viagra) in Kombination mit der Einnahme von Antidepressiva untersucht.5Treatment of antidepressant-associated sexual dysfunction with sildenafil: a randomized controlled trial. JAMA. 2003 Jan 1;289(1):56-64. | doi.org

Die Studien sollten herausfinden, ob Viagra bei einer erektilen Dysfunktion, die durch die Einnahme von Antidepressiva verursacht wurde, helfen kann.

Teilnehmer:
An den Studien nahmen 90 Männer mit einem Durchschnittsalter von 45 Jahren teil. Sie litten unter erektiler Dysfunktion aufgrund der Einnahme von Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (selektive und nicht-selektive), mit denen ihre Depressionen behandelt worden waren.
Aufteilung:
Bei den Studien gab es zwei Gruppen. Eine Gruppe wurde mit Sildenafil behandelt, während die andere Gruppe ein Placebo erhielt. Die Männer in beiden Gruppen hatten vergleichbare sexuelle Störungen.
Aufgabe:
Die Patienten mussten vor einer sexuellen Aktivität das ihnen verordnete Medikament einnehmen. Das waren Sildenafil in einer Dosierung von 50 bis 100 mg oder ein Placebo. Anschließend mussten sie über die Qualität und Zufriedenheit ihrer sexuellen Tätigkeit Fragen auf einem Fragebogen beantworten. Die Fragen bezogen sich auf die Härte der Erektion, die Fähigkeit zum Orgasmus, die Ejakulation und die Befriedigung durch den Geschlechtsverkehr. Die Depression wurde anhand der Hamilton-Depressions-Skala bewertet.
Ergebnisse:
Die Studie wurde von 85 Prozent der Teilnehmer beendet, und zwar von 76 Prozent in der Sildenafil-Gruppe und von 89 Prozent in der Placebo-Gruppe. In der Sildenafil-Gruppe berichteten 54,5 Prozent der Teilnehmer über eine deutliche bis sehr deutlichen Verbesserung der sexuellen Probleme. In der Placebo-Gruppe waren es 4,4 Prozent. Beurteilt wurde die erektile Dysfunktion, aber auch andere Bereiche des Geschlechtsverkehrs. In beiden Gruppen blieb das Ausmaß der Depression gleich. Daher ist davon auszugehen, dass die Verbesserung des Sexuallebens die Depression in keiner Weise beeinflusste.

Erfolgreiche Studie:

Die Untersuchungen ergaben, dass die Verabreichung von Viagra (Sildenafil) die sexuellen Störungen, die durch die Einnahme von Antidepressiva entstanden waren, verbessern konnte. Die Patienten berichteten außerdem, dass Viagra gut verträglich ist.

Diese Studie lässt vermuten dass der Einsatz von Cialis auf täglicher Basis (ebenfalls ein PDE-5-Hemmer, allerdings mit deutlich längere Halbwertszeit), zu noch deutlicheren Ergebnissen führen kann.

Viagra ermöglicht nämlich nur ein erfülltes Sexualleben wenn auch unmittelbar vor dem Sex die Tablette eingenommen wird. Cialis in 5 mg wird dagegen täglich eingenommen. Die Bereitschaft für Sexualität ist daher dauerhaft gegeben. Impotenz kann somit nicht nur bei Bedarf, sondern auch dauerhaft behandelt werden.

Sowohl Viagra (Sildenafil) wie auch Cialis (Tadalafil) können auch über das Internet verschrieben werden.

Potenzmittel mit Online Diagnose
Quellen, wissenschaftliche Studien & Literatur:
  1. Psychopharmaka und sexuelle Dysfunktion Journal für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie 2005; 6 (2): 30-36 | kup.at
  2. Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren (SSRI) – Reversible Beeinträchtigung der Spermienqualität | bfarm.de
  3. Once-daily atomoxetine for adult attention-deficit/hyperactivity disorder: a 6-month, double-blind trial. | ncbi.nlm.nih.gov
  4. Gitlin MJ: Psychotropic medications and their effect on sexual function: diagnosis, biology and treatment approaches. J Clin Psychiatry, 1994; 55: 406–413. NCBI
  5. Treatment of antidepressant-associated sexual dysfunction with sildenafil: a randomized controlled trial. JAMA. 2003 Jan 1;289(1):56-64. | doi.org
  6. Post-SSRI sexual dysfunction | doi.org
  7. Antidepressant‐induced sexual dysfunction | doi.org

Fotos: dizain, Motortion Films, TanyaJoy | Shutterstock.com

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